Was heißt es, wenn ein Leben vor allem von Arbeit in der Fremde bestimmt ist, wenn nach einer Schicht in der Gastwirtschaft noch eine kommt, dann die nächste Saison und noch eine, bis 30 Jahre vorbei sind? Ilija Matusko erzählt in seinem Romandebüt „Jugo“ von einem Vater-Sohn-Gespann, das es in sich hat und durch die Erfahrung von Entwurzelung geprägt ist. Der Ich-Erzähler wendet sich an ein Du, hinter dem sich der Vater verbirgt, und muss vieles imaginieren, weil der Vater sich selbst kaum kennt. Nicht einmal an seine Übersiedlung nach Deutschland kann er sich erinnern. Nach Jahrzehnten im bayerischen Gastgewerbe kehrt er in das ehemalige Jugoslawien zurück, eröffnet an der kroatischen Adriaküste ein kleines Hotel, in das sein Sohn im Urlaub zurückkehrt, und macht eine noch dramatischere Fremdheitserfahrung als bei seiner Ankunft in Deutschland. Trotz untergründiger Spannungen und Sprachlosigkeit gibt es Momente unkomplizierter Nähe: Wenn der Jugo weht, der warme Südwind, und die beiden in ein Boot steigen oder wenn sie zu einem Acker nach Bosnien reisen. Ilija Matusko, 1980 geboren, hat Soziologie und Politikwissenschaften studiert und lebt als Schriftsteller in Berlin. In „Jugo“ tastet er sich mit einer berückenden Sprache an die Schichtungen einer Vater-Sohn-Beziehung heran.
Maike Albath
Auszeichnungen u. a.: Aufenthaltsstipendium der Jürgen Ponto-Stiftung (2015), Aufenthaltsstipendium im Alfred-Döblin-Haus (2019), Aufenthaltsstipendium im Künstlerdorf Schöppingen (2022), Aufenthaltsstipendium im Künstlerhof Schreyahn (2023), Aufenthaltsstipendium im Literaturhaus Pazin (2024), Aufenthaltsstipendium im mare-Künstlerhaus, Aufenthaltsstipendium in der Villa Aurora Los Angeles (2025).
Veröffentlichungen (zuletzt):
– „Verdunstung in der Randzone“, Suhrkamp, Berlin 2023
– „Jugo“, Roman, Suhrkamp, Berlin, September 2026
