Was für ein Unterfangen! Was für ein Ritt! Mit „Rodeo“ setzt Kerstin Preiwuß innerhalb ihres bisherigen aus Romanen, Essays und Gedichtbänden bestehenden Werks zu einem Quantensprung an. Nichts anderes als die Frage, wie sich in einer zerfallenden Welt noch dichten lasse, diskutiert dieser Band in seinem Verlauf. „Rodeo“ ist eine Reflexion auf die Gewaltgeschichte der abendländischen Welt, auf patriarchale Muster und Strukturen des Zusammenlebens und eines Sprechens, das immer neue Grausamkeiten gezeitigt hat und zeitigt. Das Wort „rodeo“ stammt vom portugiesischen bzw. spanischen „rodear“ und bedeutet so viel wie „zusammentreiben“. Diesem Konzept folgen die Verse des Bandes, die ganz unterschiedliche Schauplätze, Sprachformen, andere literarische Texte, Popkultur und Schlager „zusammentreiben“, in ihrem Versuch, zusammenzudenken, was längst nicht mehr als zusammengehörend wahrnehmbar ist oder es womöglich niemals war. In der Figur von Kay, einer Heldenfigur, der alles Heldische fern ist, kulminieren die Schichten der abendländischen Geschichte und der Sprache und gipfeln am Ende in einer Liste von Toden, deren Tragik nicht selten ins Komische umschlägt: „Es ist nicht gut mit den Füßen aus einem Gully ragend entdeckt zu werden, weil man so seinen Ehering sucht“.
Beate Tröger
Auszeichnungen u. a.: Hermann-Lenz-Stipendium (2008), Aufenthaltsstipendium in Reykjavík (2009), Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds (2010), Stipendium Künstlerhaus Edenkoben (2011), Mondseer Lyrikpreis (2012), Lyrikpreis Meran, Eichendorff-Literaturpreis (2018), Anke Bennholdt-Thomsen-Lyrikpreis der Deutschen Schillerstiftung (2020).
Veröffentlichungen (zuletzt):
– „Das Komma und das Und. Eine Liebeserklärung an die Sprache“, Duden, Berlin 2019
– „Taupunkt“, Gedichte, Berlin Verlag, 2020
– „Heute ist mitten in der Nacht“, Berlin Verlag, 2023
– „Wir alle“, Roman, Berlin Verlag, September 2026
– „Rodeo“, Gedicht, Berlin Verlag, September 2026
