Flechten sind seltsame Hybridwesen, die etwas tun, was Pilze nicht können: Sie betreiben Fotosynthese. Zugleich können sie allein nicht überleben. „Sprechen in Flechten“ heißt das lyrische Debüt der 1995 in Leipzig geborenen Nea Schmidt, die heute in Wien lebt. Die darin versammelten Langgedichte lösen ein, was der Titel verspricht, sie gehen ein in ein wechselseitiges Nutzverhältnis, ihre Verse sind hybrid, wollen poetisch fassen, was in der Realität schon längst Alltag ist: der menschlichen Sprache ist die der KI zugeschaltet, aufgepfropft oder in sie verflochten: „Es ist schön und eine Immobilie. Das Gebäude: die große Würde. Lorem ipsum dolor.“ Diese Gedichte fordern in ihrer Hybridität ständig das Verstehen heraus und zeigen uns, dass auch unsere Sprache Mustern folgt, dass die Grenzziehung zwischen Mensch und Maschine bei weitem nicht immer so einfach ist, wie wir meinen. Indem Nea Schmidt traditionellen lyrischen Verfahren und Texten aus dem weltliterarischen Kanon künstlicher Intelligenz generierte Sprachstücke „zuschaltet“, erweiterte sie die Dimensionen ihrer Sprache. Anders als der Algorithmus nivellieren die Gedichte nicht auf den Durchschnitt und das kleinste gemeinsame Vielfache hin, sondern weiten die Räume des Verstehens.
Beate Tröger
Auszeichnungen u. a.: Aufenthaltsstipendium Hebräische Universität Jerusalem (2019), Artist Residency Art Omi in New York (2024), open mike in der Kategorie Lyrik (2025).
Veröffentlichungen (zuletzt):
– „Sprechen in Flechten“, Gedichte, kookbooks, Berlin 2026
– „Von den Sinnen“, Essays, März Verlag, Berlin, Oktober 2026
