Die Fragilität unserer zivilisatorischen Errungenschaften
Eine Mutter kann eine Zumutung sein. Erst recht, wenn sie ihren kleinen Sohn vernachlässigt, abschiebt und im Jugendalter endgültig im Stich lässt. Als bedürftiges Kind ist er erst eine Überforderung, dann ein Störfaktor, dem Heranwachsenden stiehlt sie dann sogar sein Stipendium für die Lehrerausbildung. Nachdem der Versuch einer Wiederbegegnung in der Dominikanischen Republik, wo die Mutter aus finanzieller Not ihre späten Jahre verbringt, in der erwarteten Katastrophe endet, ist ihr Tod fast eine Provokation. „Er kennt seine Mutter nicht“, schreibt Lukas Bärfuss in seinem schmalen autobiografischen Band „Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter“ (2026). Und weiter: „Hat nie gewusst, was das bedeutet: eine Mutter, ein Sohn. Worte, Begriffe. Er misstraut ihnen. Von Berufs wegen. Er ist Schriftsteller.“ Aus diesem Grund macht sich Lukas Bärfuss auf die Suche nach den Spuren seiner eigenen Geschichte. Er fördert neben dem individuellen Versagen der Mutter auch das systemische Versagen der Schweiz zutage – als Angehörige des „fahrenden Volkes“ wurde ihre Familie Opfer institutionalisierter Diskriminierung. Der Umgang mit Armut ist das eigentliche Skandalon dieser glänzenden Abrechnung mit der Schweiz.
Lukas Bärfuss, Romancier, Essayist, Dramatiker und scharfsinniger Publizist, hatte das autobiografische Material bereits in den Roman „Die Krume Brot“ (2023) einfließen lassen und auch in anderen Texten über seinen Lebensweg reflektiert. Den Hinterlassenschaften des Vaters, der jahrelang im Gefängnis saß und ihm nichts als Schulden vererbte, war er in dem Band „Vaters Kiste. Eine Geschichte über das Erben“ (2022) nachgegangen. Aber letztlich war auch sein Vater, der ein ums andere Mal seinen Lebenslauf fälschte, um seinen Gläubigern zu entkommen, ein Fabulierer und Erfinder von Geschichten. Dieses Erbe kann Bärfuss annehmen.
In seinen Romanen kommt häufig etwas Unerklärliches ins Spiel, Impulse, denen seine Figuren willenlos folgen. So spürt Philip, der Immobilienmakler in „Hagard“ (2017), pflaumenblauen Ballerinas an den Füßen einer Unbekannten nach und fällt binnen anderthalb Tagen aus seiner bürgerlichen Existenz heraus. Der süchtige Bruder, der in „Koala“ (2014) Suizid begeht, scheint der australischen Tierwelt näher zu stehen als den Menschen. In „Hundert Tage“ (2008) facht die Gewalt, die in Ruanda ausbricht, die Lust des Entwicklungshelfers untergründig an. Von der vollkommenen Zerstörung geht eine beklemmende Kraft aus. Die Figuren verbindet etwas Wildlingshaftes, so wie es der Titel des Romans „Hagard“ schon andeutet. Es handelt sich um einen Begriff aus der Jägersprache, der einen Wildling kennzeichnet, ein schwer bezähmbares Tier, insbesondere Falken, die häufig zur Jagd abgerichtet werden, deren Instinkte man also lenken kann. Der „Hagard“ ist aber das Lebewesen, bei dem die Abrichtung nicht gefruchtet hat.
Wie weit ist der Mensch vom Tier entfernt? Was lässt ihn zurückfallen in einen Urzustand, in dem es keine Sprache mehr gibt? Lukas Bärfuss dringt in seinen Büchern tief ein in unsere dunkelsten Sphären und benennt etwas, das beunruhigender kaum sein könnte. Es zwingt uns, über die Fragilität unserer zivilisatorischen Errungenschaften nachzudenken.
Maike Albath
aktuell: Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter. Rowohlt. Hamburg, Mai 2026
