Durchlässig und widerstandsfähig
Begegnungen mit Gabriele von Arnim sind immer inspirierend. Eine Frau, die persönliche Erfahrungen mit einem wachen Blick auf die Gesellschaft verbindet und dabei viel Lebensweisheit und Zuversicht ausstrahlt – als Haltung. Eine Haltung, die die Wirklichkeit weder beschönigt noch verdrängt. Ihre eigenen Maximen formuliert sie so: „Auf Zerstörung nicht mit Selbstzerstörung antworten“ und „durchlässig und widerstandsfähig gleichzeitig bleiben“.
In diesem Jahr wird die Autorin, Essayistin, Journalistin und Kritikerin 80 Jahre alt. „I contain multitudes“, zitiert sie neben vielen anderen Zitaten Walt Whitman in ihrem jüngsten Buch „Abschied leben. Tagebuch eines Zeitgefühls“ (2026) – ein Satz, der auch auf ihr eigenes Leben passt. Aufgewachsen in Hamburg als eines von fünf Kindern einer Bankiersfamilie, lebte sie viele Jahre als Journalistin in New York, später in München und Bonn, heute in Berlin. Sie schreibt Essays, Sachbücher, Kurzgeschichten und Artikel, engagiert sich politisch und war u. a. Initiatorin des „Münchner Aufrufs gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit“.
Ein großes Publikum erreichte sie mit „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“ (2021). Darin schildert sie die Jahre, in denen sie ihren zweiten Mann nach zwei Schlaganfällen pflegte – obwohl sie sich gerade von ihm hatte trennen wollen. Wie bewahrt man selbst seine Kraft in so einer Zeit, und wo findet man Trost? Ein Buch über Abhängigkeit, Fürsorge, Zuwendung und Freiheit – und über den Balanceakt, jemanden zu pflegen und ihm dennoch seinen eigenen Raum zu lassen. Von Arnims Denken kreist immer wieder um die Frage, wie wir mit den Zumutungen des Lebens umgehen. Davon erzählen auch ihre Bücher „Der Trost der Schönheit“ (2023) und „Liebe Enkel oder Die Kunst der Zuversicht“ (2024). Ihr neues Buch „Abschied leben. Tagebuch eines Zeitgefühls“ führt diese Suche fort. Es ist kein Zufall, dass das Buch „Abschied leben“ und nicht „Abschied nehmen“ heißt. Es geht um die kleinen und großen Verluste des Lebens – um das Älterwerden, das Loslassen, den Tod, aber auch um die Frage, wie man am besten damit lebt, dass Abschiede zum Leben dazugehören. Ein Jahr lang hat von Arnim Tagebuch geführt und über persönliche und politische Abschiede nachgedacht: von den Jahreszeiten, von Menschen, von früheren Ichs, von vermeintlichen Gewissheiten, von Kontrolle.
„Abschied leben“ ist auch eine politische Zeitreise, weil von Arnim aktuelle Ereignisse notierte. Sie dokumentierte die Wiederwahl Donald Trumps, die Zerstörung in Gaza, den Aufstieg autoritärer Kräfte und das Gefühl, dass eine Epoche zu Ende geht. Nicht nur Menschen und Lebensphasen verschwinden, sondern auch politische Gewissheiten: der Glaube an die USA als verlässliche Schutzmacht oder an den selbstverständlichen Fortschritt der Demokratie. Wie bewahrt man Zuversicht, ohne die Wirklichkeit zu verleugnen? Gabriele von Arnim hält an einer Haltung fest. Der beste Schutz, schreibt sie, sei das geöffnete Herz. Und sie sei fest entschlossen, eine heitere Alte zu werden. Oder, wie eine amerikanische Freundin es formuliert hat: „To fill ourselves with joy and give it off to family, friends and others.“
Anne-Dore Krohn
aktuell: Abschied leben. Tagebuch eines Zeitgefühls. Rowohlt. Hamburg, Apr 2026
