Geschichten aus dem wahren Leben
Der Schweizer Alex Capus ist ein geborener Erzähler, einer, der es liebt, sein Publikum mit Geschichten aus dem mehr oder weniger wahren Leben zu unterhalten. Bei Lesungen des Bestsellerautors kann es vorkommen, dass er keine einzige Zeile seines neuen Buches liest, sondern frei erzählt, Fäden spinnt und die Fantasie der Zuhörer*innen kräftig befeuert. Es wird seinen Grund haben, warum sich Alex Capus eine mitteleuropäische Variante des orientalischen Basars geschaffen hat, einen Ur-Ort des Erzählens. In seiner Heimatstadt Olten betreibt Capus seit 2013 die Galicia-Bar mit Bühne und Brauerei, wo man ihn auch als Barkeeper hinterm Tresen antreffen kann, und vielleicht, mit etwas Glück zu später Stunde, eine kleine Geschichte erzählt bekommt.
„Ich will keine Preisträgerprosa schreiben, und ich will mich nicht hübsch machen müssen für die Zeitungsschreiber und die Infotainment-Tanten im Fernsehen. Ich will Dinge erzählen, die ich für wahr und wichtig halte, und ich will, dass meine Erzählungen im Dienst des Guten stehen. (...) Ich will Erzählungen schreiben, die von Belang sind.“ Das lässt Alex Capus einen Schriftsteller in der Erzählung „Dichtung und Schnaps“ zu seinem Verleger in einer Bar sagen. Und man darf in dieser Figur wohl das Alter Ego des Autors erkennen, der in der kleinen Erzählung auch seine Poetologie erläutert. Denn Capus wird vor allem für seine historischen Romane geliebt wie „Munzinger Pascha“ (1997), „Fast ein bisschen Frühling“ (2002), „Reisen im Licht der Sterne“ (2005), „Eine Frage der Zeit“ (2007), „Königskinder“ (2018) oder „Susanna“ (2022), in denen er aufregende Geschichten von einfachen Menschen aus dem wahren Leben erzählt. In seinem erfolgreichen Debütroman „Munzinger Pascha“ geht es um den Handels- und Forschungsreisenden Werner Munzinger, der im 19. Jahrhundert die Sklaverei in Afrika abschaffen will. „Fast ein bisschen Frühling“ erzählt von den Bankräubern Waldemar Velte und Kurt Sandweg, die 1933 eine Bank in Wuppertal ausrauben, dabei versehentlich den Filialleiter erschießen und auf ihrer Flucht nach Indien schon in Basel stecken bleiben, weil ihnen die Liebe zur Schallplattenverkäuferin Dorly Schupp dazwischenkommt. In „Eine Frage der Zeit“ geht es um drei Bootsbauer aus Papenburg, die ein komplettes Dampfschiff auseinandernehmen, mit Schiff und Bahn nach Afrika verfrachten, um es in der Kolonie Deutsch-Ostafrika wieder zusammenzubauen, wo es auf dem Tanganjikasee 1914 das deutsche Kolonialreich gegen die Briten verteidigen soll.
Auch „Königskinder“ ist eine absurde, aber wahre Geschichte über den armen Schweizer Hirten Jakob und die reiche Bauerstochter Marie, die an den Hof von Versailles verfrachtet werden, um dort für die Schwester von Ludwig XVI. in einem idealisierten Bauernhof eine schweizerische Landleben-Idylle zu spielen – bis die blutige Revolution ausbricht. Und in „Susanna“ emigriert die Baslerin Susanna Faesch mit ihrer Familie in die USA, wird dort zur Bürgerrechtlerin und Malerin, reist 1889 nach Dakota ins Territorium der Indigenen, um Sitting Bull zu warnen, wird die Vertraute und Privatsekretärin des Häuptlings und malt mehrere Ölportraits von ihm. Wie und wo der studierte Historiker, Ethnologe und gelernte Journalist Alex Capus all diese bislang unerzählten Geschichten entdeckt, wird er uns hoffentlich beim Autorenporträt im Markgrafentheater erzählen.
Alex Capus‘ Romane und Erzählungen werden wegen seines schnörkellosen, zupackenden Schreibstils, seiner fabelhaften Charakterzeichnungen und seiner ironisch-witzigen Gesellschaftskritik von der Leserschaft und der Kritik gleichermaßen gelobt wie geliebt. Man kann dieses spezielle Genre, bei dem Autor*innen auch Quellen montieren, Recherchen thematisieren und Leerstellen im Leben der Protagonist*innen mit eigenen Vorstellungen füllen, als Tatsachenliteratur, Dokufiktion oder kurz als Faction bezeichnen. Capus ist ein Meister darin, diese Leben plastisch werden zu lassen und uns zum Nachdenken darüber anzuregen, ohne sie mit einer Moral zu versehen. In der bereits zitierten Erzählung „Dichtung und Schnaps“ stellt er eine Art poetologisches Ideal vor: „Ich würde sehr gern mal einen kompletten Roman mit allem Drum und Dran schreiben, der von Anfang bis Ende ausschließlich aus Fakten besteht. (...) Eine Geschichte erzählen, deren Handlung sich genau so und nicht anders zu einer ganz bestimmten Zeit tatsächlich zugetragen hat, zwischen Menschen, die es wirklich gegeben hat, an einem Ort, den man zweifelsfrei identifizieren und besichtigen kann. (...) Einfach nur Fakten. (...) Eine wirklich wahre Geschichte.“
Ob das tatsächlich so erstrebenswert wäre? Denn erst wenn der Geschichtenerzähler Alex Capus sich einen historischen oder auch biografischen Stoff sucht, recherchiert, arrangiert, fiktionalisiert und in seinem ganz eigenen, empathisch-humorvollen Ton erzählt, entsteht eine wirklich gute Geschichte. Das gilt natürlich auch für Alex Capus‘ druckfrischen Roman „Querfeldein“, der eine wahre schweizerisch-deutsche Schmugglergeschichte in Zeiten des Zweiten Weltkrieges erzählt, und wieder alles mitbringt für einen Bestseller.
Dirk Kruse
aktuell: Querfeldein. Hanser. München, Jul 2026
